Unsere Experten im Interview mit Radio Z

Am 3. Juli 2006 waren unsere beiden Experten zu Gast bei Radio Z in Nürnberg. Zwischen 16 und 17 Uhr beantworteten sie in der Sendung „49 plus“ zahlreiche Fragen zu Demenz und informierten darüber hinaus über das IDA-Projekt.

M:
Moderatorin
EG:
Prof. Dr. med. Elmar Gräßel, wissenschaftlicher Leiter von IDA
MGS:
Dr. med. Maria Großfeld-Schmitz, IDA-Studienärztin

Mitschrift der Radiosendung

Was ist eigentlich Demenz? Und was ist Alzheimer? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei einer Demenzerkrankung? – Der Radiobetrag gibt Ihnen auf viele Fragen erste Antworten und Hilfestellungen.

M:
In unserer Rubrik „49 Plus” hört ihr heute eine Diskussion mit zwei Spezialisten zum Thema Demenz. In Deutschland leben gegenwärtig mehr als eine Million Demenzkranke. Mit dem Anstieg der Lebenserwartung steigt auch die Anzahl Betroffener. Unsere beiden Studiogäste werden heute über das Krankheitsbild, die Diagnose und Therapie aufklären und das IDA-Projekt vorstellen, die „Initiative Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin”. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch auch in die Diskussion einschalten unter der Nummer 0911/ 4500666. Ich begrüße jetzt Herrn Prof. Dr. med. Elmar Gräßel und Dr. Maria Großfeld-Schmitz, hallo!
EG:
Hallo zusammen!
MGS:
Hallo!
M:
Plötzlich liegt der Schlüssel nicht mehr an seinem gewohnten Platz, Termine werden vergessen und vertraute Wege nicht mehr gefunden. Einige dieser Situationen kennt jeder von uns. Was aber geschieht, wenn diese Vergesslichkeit mit zunehmendem Alter einen ernsten Hintergrund hat? Diese Situationen könnten erste Anzeichen einer Demenzerkrankung sein, allgemein als Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz, bekannt. Herr Dr. Gräßel verzieht gleich das Gesicht, weil da sehr viel durcheinander geworfen wird, oder?
EG:
Viele Leute werfen einfach Demenz und Alzheimer in einen Topf.
M:
Könnten Sie das dann gleich klarstellen und uns über das Krankheitsbild Demenz aufklären?
EG:
Demenz ist ein Krankheitsbild, dessen Ursachen nicht so genau bekannt sind. Es beschreibt nur, dass manche Menschen einen gewissen Schweregrad an geistiger Beeinträchtigung aufweisen. Das Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt sowie weitere Fähigkeiten im Gehirn, so dass man sich beispielsweise zeitlich oder örtlich nicht mehr zu recht findet oder sprachliche Probleme bekommt. Dinge, die man im Alltag gewohnt war, bekommt man nicht mehr so gut hin, obwohl die Muskulatur in Ordnung ist. Dies kann so ausgeprägt sein, dass man im Alltag, im Haus oder Büro nicht mehr gut alleine zu recht kommt. Das alles zusammen formt ein Erscheinungsbild, welches man Demenz nennt.
M:
Und Alzheimer ist eine spezielle Form?
EG:
Richtig, dies wird häufig in einen Topf geworfen, weil Alzheimer – oder korrekt die Alzheimer-Demenz – die häufigste Form der Demenz ist. Etwa zwei Drittel aller Demenzerkrankten leiden an der Form Alzheimer-Demenz, aber es gibt eben auch ein Drittel anderer Formen.
M:
Sie haben gerade schon ein paar Symptome genannt, den Schnitt zu machen ist aber recht schwierig, gerade weil das Thema Demenz auch noch ein wenig tabuisiert wird. Es wird häufig noch beschönigt: nach dem Motto „Das sind eben Alterserscheinungen”. Können Sie vielleicht noch einmal die Symptome beschreiben und sagen worauf man achten sollte?
EG:
Es ist natürlich so, dass man mit zunehmendem Alter bei bestimmten Fähigkeiten, z.B. sich auf neue Situationen einzulassen – im Durchschnitt, das ist nicht bei jedem Mensch der Fall – langsamer und träger wird. Dies wäre ein normales geistiges Altern, das heißt die fluiden Intelligenzleistungen werden träger. Das ist nichts Problematisches. Das Problem ist, dass Demenz nicht wie ein Schalter ist. Man bekommt es nicht von heute auf morgen. Vom normalen Alterungsprozess, wo man langsamer wird und ab und zu auch mal was vergisst, geht es über zu einer leichten kognitiven Beeinträchtigung. Dabei ist man in den gemessenen Testleistungen schon deutlich unter dem Altersdurchschnitt. Wenn dies noch stärker und schlimmer wird, kann es in eine Demenz münden. Dies ist eben ein Weg. Irgendwann ist das Ganze dann so ausgeprägt, dass wir von einer Demenz sprechen. Deswegen kann man den genauen Zeitpunkt, ab dem man von Demenz spricht, nicht genau bestimmen. Dann bräuchten wir auch nicht die Ärzte, die das wirklich diagnostizieren müssen. Es ist manchmal auch nicht einfach, Demenz von anderen Sachen zu unterscheiden.
M:
Eine Frühdiagnose ist für Demenzpatienten sehr wichtig, damit sie mündig vorher noch ein paar Sachen entscheiden können.
EG:
Es gibt mehrere Gründe, warum man frühzeitig einen Arzt aufsuchen sollte. Erstens gibt es etwa zwei oder drei Prozent, das ist jeder 30. Betroffene, dessen Demenz ursächlich behandelbar ist. Die muss ich natürlich raussuchen. Ein Beispiel: Eine Schilddrüsenfunktion kann manchmal recht unscheinbar ablaufen und in eine Demenz münden, wenn sie nicht rechtzeitig entdeckt wird. Und das kann ich eindeutig verhindern. Die Schilddrüsenhormone können dann einfach durch Tabletten ersetzt werden und die Sache ist in dem Fall erledigt.
M:
Gibt es Präventionsmöglichkeiten?
EG:
Sie meinen bei Demenz grundsätzlich? Dabei muss man deutlich unterscheiden zwischen einer Demenz-Therapie und einer Demenz-Vorbeugung. Wenn jemand noch keine geistige Beeinträchtigung hat, gibt es ein paar konkrete Mittel. Zunächst muss ich dafür sorgen, dass meine gefäßbedingten Risikofaktoren eingeschränkt werden. Diese kennt man inzwischen, dazu zählen Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und das Zigarettenrauchen. Dies sind die vier Hauptrisikofaktoren, durch die die Durchblutung verschlechtert wird. Wir wussten schon länger, dass dies für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt verantwortlich sein kann. Aber dass dies auch eigenständige Risikofaktoren für die Alzheimer-Demenz sind, ist relativ neu. Wichtig ist auch, geistig aktiv zu bleiben. Jetzt beispielsweise diese Sendung hören und sich merken, was wir gesagt haben, das wäre geistiges Training im Alltag. Dies ist auch durch Studien erwiesen. Das nächste wäre die körperliche Bewegung, die auch im höheren Alter etwa dreimal die Woche stattfinden sollte. Dazu gehört spazieren gehen, Rad fahren, schwimmen, alles, was einem Spaß macht. Auch dies beugt dem Ausbrechen einer Alzheimer-Demenz vor beziehungsweise man kann es dadurch zumindest hinauszögern.
M:
Welche Therapie-Möglichkeiten bestehen denn für Patienten, die bereits eine Demenz haben?
EG:
Dabei gibt es medikamentöse und nicht-medikamentöse Möglichkeiten. Bei einem Teil der Patienten – nicht bei allen – lässt sich der Krankheitsverlauf durch Medikamente günstig beeinflussen, das heißt die geistige Verschlechterung wird für eine Zeit lang aufgehalten. Wenn der Patient auf diese Therapie anspricht, profitiert sowohl er selbst als auch seine Angehörigen davon.
M:
Sie sind medizinischer Leiter des IDA-Projektes, Herr Dr. Gräßel, Frau Dr. Großfeld-Schmitz ist Studienärztin des IDA-Projektes, welches sich mit der Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin beschäftigt. Wie sieht denn die Versorgungslage aus? Ich habe in Ihren Infoberichten gelesen, dass die Datenerhebungen noch nicht ausreichend sind, was mich erstaunt.
MGS:
Es ist wichtig vorher zu sagen, dass drei Viertel der Patienten zuhause versorgt werden, das heißt die Demenzversorgung betrifft die gesamte Familie und beeinflusst sie. Es gibt unterschiedliche Untersuchungen zu den Unterstützungsmöglichkeiten von Angehörigen. An diesem Punkt setzen wir mit unserem Projekt an. Wir möchten die heutige Versorgungslage auf wissenschaftlicher Basis betrachten und wissenschaftliche Aussagen über Unterstützungsangebote für Angehörige und Patienten machen können.
M:
Es wird prognostiziert, dass sich betroffene Familien meist allein gelassen fühlen mit der Versorgung, dort hakt die Initiative Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin ein. Können Sie das Projekt näher beschreiben und sagen, wer dahinter steckt und welches die Hauptziele sind?
MGS:
Allgemeinmedizin deutet schon an, dass wir die Hausärzte einbinden und über diese an die Patienten herantreten möchten. Das Projekt ist eine Initiative von zwei Krankenversicherungen: der AOK Bayern sowie dem AOK-Bundesverband sowie zwei Pharmaunternehmen: Pfizer und Esai. Über die Hausärzte, die von uns teilweise in Diagnostik und Therapie von Demenz geschult wurden, sollen Patienten und Angehörige eingebunden werden. In verschiedenen Studienarmen möchten wir sehen, wie sich die Versorgungslage verbessern lässt.
M:
IDA ist 2005 gestartet, soll laufen bis 2008 und ist auf Mittelfranken ausgelegt. Warum Mittelfranken?
MGS:
Mittelfranken ist aus verschiedenen Gründen ausgewählt worden. Zum einen gibt es hier viele AOK-Versicherte, dies ist nämlich eine Voraussetzung für eine Teilnahme. Auch von den demographischen Bedingungen her gibt es hier eine gute Stadt-Land-Verteilung. Es ist ein sehr überschaubarer Raum.
M:
IDA soll Patienten und Angehörigen helfen. Menschen, die interessiert sind, ob an Unterstützung oder an Informationen, können sich an IDA wenden. Vielleicht können Sie die Internetadresse durchgeben?
MGS:
Unsere Internetadresse ist www.projekt-ida.de.
M:
Nun kommen wir dazu, wie IDA genau funktioniert. IDA hat drei Gruppen installiert, die sich über die Hausärzte um die Patienten kümmern. Wie sieht das genau aus?
MGS:
Wir haben einen Projektarm, wo Hausärzte genaueres Informationsmaterial zu den verschiedenen kooperierenden Angehörigengruppen erhalten. Es gibt hier sehr gute und aktive Angehörigengruppen, die zum Beispiel von Sozialpädagogen angeleitet werden und sich regelmäßig treffen. Es ist ein wichtiger Punkt, dass man darüber eine Entlastung anbieten kann. Über die Hausärzte, die diese Gruppen empfehlen, möchten wir fördern, dass mehr Angehörige zu diesen Gruppen gehen. In einem anderen Projektarm gibt es Mitarbeiter, die als Angehörigen-Berater persönlich Kontakt zu den Familien aufnehmen. Diese machen Hausbesuche und bieten Gespräche an. Dadurch können sie prüfen, ob es hinsichtlich der Pflegesituation noch Unterstützungsmöglichkeiten gibt und ob man gegebenenfalls noch ehrenamtliche Helferinnen vermitteln kann, die eine Vernetzung der Familie im Gesundheitssystem verstärken sollen.
M:
Von diesen Demenz-Beratern gibt es aktuell vier Personen, die sich hinsichtlich medizinischer, formaler und psychischer Aspekte um die Familien kümmern?
MGS:
Genau. Natürlich muss man überhaupt erstmal das Vertrauen gewinnen, um Angebote machen zu können. Uns geht es darum, die Patienten langfristig in ihrer häuslichen Versorgungssituation zu halten, dies ist ein großer Wunsch sowohl von Patienten als auch von Angehörigen. Dies ist an bestimmten Punkten aber oft sehr schwierig. Durch die IDA-Berater hoffen wir zusätzliche Unterstützung bieten zu können, um eben auch einen Heimaufenthalt möglichst lange hinauszuzögern.
M:
Viele Hausärzte und -ärztinnen haben sich schon in das Projekt eingeklingt und geben die Informationen weiter. Das Ganze dauert natürlich auch seine Zeit. An wen können sich die Menschen denn noch wenden oder werden sie aktiv von den Hausärzten angesprochen?
MGS:
Auf der Internetseite gibt es eine Liste aller Hausärzte, die mitmachen. So kann jeder nachsehen, ob sein Hausarzt schon mitmacht. Ansonsten kann man auch seinen Hausarzt ansprechen, ob er schon mal was von IDA gehört hat.
M:
Um das zusammenzufassen: Es geht also nicht nur um den Patienten, sondern auch um die Einbindung der Angehörigen, die sich um den Betroffenen kümmern. Über die Hausärzte sollen diese angesprochen und dazu gebracht werden, verstärkt Hilfe anzunehmen.
EG:
Genau. Wenn die Patienten in die Praxis kommen, soll der Arzt auch konkret schauen: Wie geht es dem Angehörigen? Dies ist ein Punkt, den die Allgemeinmedizin leisten kann und in Zukunft sicher auch noch verstärkt leisten wird. Weiterhin ist es eine Tatsache, dass der Unterstützungsbedarf von Demenzerkrankten immer größer wird. Dabei müssen die Angehörigen auch an sich denken, denn sie tun niemandem einen Gefallen, wenn sie sich aufopfern. Es ist gut für den Anderen zu sorgen und sorgen zu wollen, aber man muss auch bereit sein, Hilfe anzunehmen, damit man als Angehöriger selber körperlich und psychisch gesund bleibt. Hier gibt es dann verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, wobei in den Beratersituationen eine akzeptable und sinnvolle Lösung gefunden werden kann. Aber es ist sicher der falsche Ansatz sich zu sagen, man würde alles alleine schaffen.
M:
Ohne diese Tabuisierung und die Hemmschwellen würden sich da viele Aspekte erleichtern. Frau Dr. Großfeld möchte dabei noch auf etwas hinweisen.
MGS:
In den Interviews hören wir oft von den Angehörigen, dass sie es gerade noch alleine schaffen und alles in der Familie regeln wollen. Dabei muss beachtet werden, dass solche Konstruktionen nur solange gehen, wie alle Beteiligten selbst noch gesund sind und diese Leistung bringen können. Von daher ist es durchaus sinnvoll frühzeitig präventiv externe Hilfe anzunehmen.
M:
Und davor muss eben die Demenz akzeptiert werden.
MGS:
Genau. Wenn bestimmte Veränderungen wahrgenommen werden, sollte der Schritt zum Hausarzt gemacht und die Sache offen angesprochen werden. Der Hausarzt geht darauf normalerweise offen ein und es kann eine Diagnostik begonnen werden. Es ist eben wirklich wichtig, dass man das Ganze sozusagen auf die medizinische Ebene hebt, denn es lässt sich eben nicht alles mit einer Altersvergesslichkeit erklären.
EG:
Mir ist bei Beratungen von Angehörigen aufgefallen, dass die Versorgung in der Familie wirklich klappen kann. Aber manchmal muss man sich eben doch an jemanden wenden und Rat erfragen, zum Beispiel wenn es darum geht, wann ich einen Antrag an die Pflegeversicherung stellen kann. Dazu sind dann eben auch die Beratungen im IDA-Projekt da – unter anderem auch, um sich mit anderen auszutauschen. Dies ist immer sinnvoll, auch wenn man die Versorgung weiter innerhalb der Familie durchführt.
M:
Wer also Informationen oder Unterstützungsmöglichkeiten sucht, der kann sich an die Initiative Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin wenden. Die Internetseite ist www.projekt-ida.de. Danke Ihnen beiden, dass Sie da waren!
MGS:
Danke auch.
EG:
Danke auch.

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